Arvid Boecker Kunst Heidelberg Texte Artikel

 
Der Maler Arvid Boecker von Prof. Hans Gercke

Arvid Boecker verfolgt seit Jahren eine kompromisslos konsequente, streng durchgehalten Strategie der Recherche auf dem Feld der Malerei, in der es immer wieder neu um den Prozess des Malens, um die Parameter von Format, Bildgröße, Aufteilung und Strukturierung einer Fläche, um Rhythmus und Schichtung, um die Balance von Regel und Abweichung, Konstruktion, Impression und Expression geht, um Horizontale und Vertikale und um das Verhältnis von Farbtönen, Hell und Dunkel, Kalt und Warm: Ein wahrhaft unerschöpfliches Thema, bei dem trotz oder vielleicht gerade wegen Boeckers strikt minimalistischer Haltung und systematischem Vorgehen keinerlei Redundanzen entstehen.
Und man begreift, dass diese Arbeiten keine kalten, lediglich theoretisch relevanten Kopfgeburten sind, sondern Kreationen von naturhafter Vitalität und intensiver, zugleich aber auch nüchtern reflektierender Erfahrung.

 
Über die Arbeiten von Arvid Boecker von Dr. Kristina Hoge

Eine ungemein spannende Mischung aus konstruktivem Konzept und informeller Malerei bestimmt Arvid Boeckers künstlerische Arbeit. Schicht um Schicht die Farbmaterie auf- und partiell auch immer wie-der abtragend gräbt sich der Künstler ein in die sorgfältig geschichteten Farbfelder seiner Arbeiten. Dabei entsteht ein rhythmisches Geflecht an Farbharmonien und Oberflächentexturen, das in seiner Lebendigkeit und Strahlkraft das Auge des Betrachters fasziniert. Da ist Ruhe und Bewegung zugleich. Eine energetische Spannung zwischen scheinbar dissonanten Tönen wie Rot, Pink und Orange, die sich mit ihrer starken Präsenz so deutlich in den Vordergrund spielen, dass die zarten Grau-, Blau- und Weißwerte, ja selbst die gebrochenen Grün- und Brauntöne der Randbereiche eindeutig in den Hintergrund zurücktreten oder sich aus einer weißen Fläche heraus eine strahlend blaue Tür öffnet, die scheinbar direkt ins Innerste des Bildes hineinführt.
Aus dem wohlüberlegt ausbalancierten Spiel mit dem Davor und Dahinter der Farben ergibt sich, allein aus der Fläche heraus, ein dichtes und stimmiges räumliches Bildkonstrukt. Neben dem räumlichen Gefüge fasziniert das rhythmische Empfinden, das sich beim Betrachten von Boeckers Arbeiten nahezu automatisch einstellt. Vergleichbar mit musikalischen Kompositionen er-zeugt der Künstler eine Melodie der Töne und bringt den Eigenwert jeder Farbe individuell zum Klingen. Das sich all dies nicht zufällig so ergibt, sondern auf einem ausgeklügelten System basiert, wird besonders offenkundig, wenn man mehrere Arbeiten des Künstlers aus einer bestimmten Schaffensphase gleichzeitig in den Blick nimmt. Tatsächlich spielt der serielle Arbeitsprozess für Boeckers künstlerisches Werk eine ganz wesentliche Rolle. Der Künstler hat immer mehrere Leinwände mit gleichen Abmessungen gleichzeitig in Arbeit. Das aufwändige Arbeiten mit den Lasurschichten der Ölfarbe, die immer wieder Phasen der Trocknung erforderlich machen, geben dem Künstler die notwendige Ruhe und Zeit, um den intuitiven Farbauftrag mit der dementsprechenden gedanklichen Arbeit zu begleiten.
Die durchdachte, serielle Arbeitsweise mit einem festgefügten, selbst auferlegten Konstrukt wird dann wieder konterkariert durch den informellen Auftrag der Farben. Dabei überzeugt nicht nur Boeckers intuitives Gespür für Tonwerte. Durch die in langwierigem Arbeitsprozess in sorgfältigster Technik lasierend, Schicht um Schicht aufgetragenen Ölfarben und die ungemein sensitive Be-handlung der zum Teil wieder abgeschliffenen Oberflächen, erreicht Boecker beinahe samtene Texturen von großer haptischer Qualität. Es ist eine Kunst, die nicht nur im Entstehungsprozeß viel Zeit erfordert, sondern die auch den Betrachter, wenn sie ihn einmal gefangen genommen hat, entschleunigt und entführt in Gedanken an jahres-zeitlich geprägte Stimmungen, Aufenthalte am Meer, Erinnerungen an fremde Länder. Fein nuancierte Farblandschaften verdichten sich zu meditativen Abstraktionen. Ob in nahezu monochromen Variationen über die Farbe Weiß oder dem Nebeneinander verwandter Farbharmonien, dem sensiblen Überlagern flächiger Farbschleier oder der nuancierten Platzierung kontrapunktischer Töne, Boecker formuliert immer eine suggestive Tiefe, die den Betrachter in Bann zieht.

 
Arvid Boecker von Professor Dr. Christoph Zuschlag

Rede zur Eröffnung der Ausstellung Arvid Boecker – Malerei in der Volksbank Kaiserslautern-Nordwestpfalz eG am 30. Mai 2016 von Professor Dr. Christoph Zuschlag, Universität Koblenz-Landau, Campus Landau

Meine sehr verehrten Damen und Herren, lieber Arvid!
Arvid Boecker ist in Kaiserslautern kein Unbekannter, schon drei Mal war er im Rahmen von Gruppenausstellungen im Museum Pfalzgalerie zu sehen, das überdies auch Werke von ihm in seiner Sammlung hat. Ihn zu dieser Einzelausstellung in der Volksbank zu bewegen, war indes kein ganz leichtes Unterfangen, denn Arvid Boecker ist ein renommierter Künstler mit zahlreichen Ausstellungsprojekten (und noch mehr Anfragen nach Einzelausstellungen und Ausstellungsbeteiligungen). Allein in diesem Jahr bestreitet er zehn Ausstellungen mit seinen Bildern, darunter im Juli eine in New York und im September eine weitere in Sydney. In Anbetracht dieser starken Nachfrage freuen wir uns umso mehr, Ihnen den Künstler hier in einer konzentrierten Werkschau näherbringen zu können. Sie umfasst 16 ganz aktuelle Arbeiten, alle aus den Jahren 2015 und 2016, gemalt in Öl auf Leinwand und im einheitlichen Format von 50 x 40 cm.
Geboren 1964 in Wuppertal, wusste Arvid Boecker schon mit 17 Jahren, dass er Kunst studieren wollte, es brauchte aber mehrere Anläufe, bis er einen Studienplatz bekam. So studierte er nach dem Abitur zunächst Chemie in Berlin und Wuppertal, danach Kunstgeschichte und BWL in Trier, bevor er 1989 als 25-jähriger das Studium an der Hochschule der Bildenden Künste Saar in Saarbrücken aufnahm. Hier wurden drei ebenso bedeutende wie unterschiedliche Künstler seine Lehrer, nämlich der Konzeptkünstler Jochen Gerz, die Video- und Performancekünstlerin Ulrike Rosenbach und der Maler Lothar Baumgarten. Noch während seines Studiums wurde Boecker mit Preisen ausgezeichnet, schnell folgten Ausstellungen und erste Publikationen.
Arvid Boecker lebt und arbeitet in Heidelberg, wo er seit einem Jahr unter dem Namen boeckercontemporary einen eigenen experimentellen, international ausgerichteten Kunstraum betreibt, mit dem er die Kunstszene am Ort bereichern und im Kunstbetrieb mitmischen möchte. Die Anfänge sind vielversprechend. Die Kunst von Arvid Boecker auf einen Begriff zu bringen ist nicht ganz leicht, am ehesten trifft die Bezeichnung Farbfeldmalerei zu. Seine Bildwelten sind abstrakt im Sinne von ungegenständlich, das heißt, sie bilden nichts nach oder ab, stellen nichts dar außer sich selbst. In der Kunstgeschichte gibt es dafür den Terminus “selbstreferentiell”, was bedeutet, dass die Bilder eben nur auf sich selbst und nicht auf eine außerkünstlerische Wirklichkeit verweisen (was selbstverständlich nicht ausschließt, dass wir als Betrachter die Bilder gegenständlich lesen, also etwa eine waagrechte Linie im Bild als Horizont interpretieren. Und ebenso selbstverständlich fließen Boeckers visuelle Eindrücke, etwa auf seinen vielen Wanderungen in der Natur, in seine malerischen Erkundungen auf der Leinwand ein). Die Bilder entstehen in einem langsamen, intensiven Prozess des Auftragens und partiellen Wiederabtragens von Farbe, ein Prozess, in dessen Verlauf sich das Bild vielfach verändert und der im fertigen Werk stets ablesbar bleibt. Zu Beginn legt der Künstler mit Bleistift die Komposition auf dem Bildträger an, der immer auf der Staffelei steht. Dann trägt er Farbe mit dem Pinsel oder dem Spachtel auf und zieht sie im nächsten Schritt mit der Rakel von oben nach unten über die Bildfläche. Die Rakel ist ein Werkzeug aus dem Siebdruck, ein Stück Holz oder Metall, an dem eine Gummilippe befestigt ist (vergleichbar mit einem Scheibenwischer). Je nach Bildformat gibt es verschiedene Rakelgrößen. Auf diese Weise legt Arvid Boecker zahlreiche dünne Farbschichten übereinander, teilweise sind es über vierzig Stück, wobei an einigen Stellen darunterliegende Schichten freigelegt werden und hervorscheinen. So entsteht, wie es Kristina Hoge formuliert, Zitat, »ein rhythmisches Geflecht an Farbharmonien und Oberflächentexturen, das in seiner Lebendigkeit und Strahlkraft das Auge des Betrachters fasziniert. Da ist Ruhe und Bewegung zugleich.« Was auf den ersten Blick wie eine monochrome, also einfarbige Fläche wirkt, erweist sich bei genauerer Betrachtung als farblich und texturell reich modulierte Farblandschaft mit matten und glänzenden Partien, eine Farblandschaft, auf der es buchstäblich viel zu entdecken gilt. Achten Sie auch besonders auf die Ränder und die schmalen Passagen zwischen den einzelnen Farbflächen.
Der Künstler arbeitet immer, das verdeutlich diese Ausstellung, in Werkreihen, also Serien von Arbeiten im selben Format. Er brauche die Vergleichbarkeit, sagt Boecker dazu im Ateliergespräch. Er könne eigentlich endlos an einem Bild weiterarbeiten, immer auf der Suche nach Veränderungen und neuen malerischen Effekten, aber letztlich merke er doch immer, wann im Malprozess ein Zustand erreicht sei, den er (er-)halten wolle. Dann sei das Bild fertig, und das nächste knüpfe genau an den malerischen Erfahrungen und Aspekten an, wo das vorherige beendet wurde. Jedes Bild ist also in gewisser Weise die Fortsetzung des vorigen Bildes und die Weiterarbeit an den künstlerischen Lebensfragen Boeckers, die da lauten: Was ist Malerei heute? Welchen Stellenwert haben Bilder für uns und warum, wie gehen wir mit ihnen um und was machen sie gegebenenfalls mit uns? Kann ich als Maler etwas in der und für die Gesellschaft bewirken [nochmals Hinweis auf seinen Kunstraum]? Zu diesem Konzept des “work in progress” passt auch, dass Arvid Boecker seinen Werken keine individuellen Titel gibt, sondern lediglich fortlaufende Werknummern. Als ich ihn am 22. Mai im Atelier besuchte, stand gerade Bild Nummer 1060 auf der Staffelei.
Es gab eine Werkphase, da waren die Oberflächen in den Bildern von Arvid Boecker in fünf vertikale Felder gegliedert. Hier in der Ausstellung sehen wir Bilder mit meist zwei oder drei horizontal übereinander geschichteten Farbflächen (mit einigen Ausnahmen). Entsprechend werden die Bilder meist von einem farbigen Zweiklang bestimmt (also etwa Rosa und Grau, Gelb und Weiß, Weiß und Rot, Hellblau und Ocker etc.), wobei das Spektrum der verwendeten Farben und die Möglichkeiten ihrer Kombination schier unerschöpflich sind.
Meine Damen und Herren, Arvid Boecker hat sich eine höchst individuelle Position in der Malerei der Gegenwart erarbeitet. Eine gewisse Nähe sehe ich zu den Positionen, die man als radikale, elementare, analytische oder auch essentielle Malerei bezeichnet. Gemeint ist damit eine Malerei, die sich auf die elementaren formalen und materiellen Grundlagen der Malerei konzentriert, also Farbe, Bildträger, Komposition, Struktur, und die zum Beispiel Farbrhythmen, Farbräumlichkeit und Farbwahrnehmung untersucht. Boeckers Malerei liegt ein strenges, ja, ein radikales konstruktives Konzept zugrunde, das er aber im Malprozess mühelos mit informellen Elementen verbindet, was man an gestischen Spuren und Schlieren auf der Oberfläche ablesen kann. Und um das alles zu erleben, was die Malerei von Arvid Boecker uns als Betrachtern bietet, müssen wir nicht nach New York und auch nicht nach Sydney reisen, sondern nur hier die Augen aufmachen, in der Volksbank Kaiserslautern. Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!

 
Über die Arbeiten von Arvid Boecker von Sarah Debatin

Jedes einzelne Gemälde von Arvid Boecker ist ein Loblied auf Farbe und Rhythmus. Erst in der Annäherung an seine Bild-Welten, und gemeint ist auch physische Annäherung, entfalten die großflächigen Farbfelder ihre gesamte Wirkung. Aus der Ferne wird die Harmonie und die Geschlossenheit sichtbar, aus der Nähe die Anstrengung, die dahinter steckt, diesen Ausgleich der Kräfte zu erzielen. Doch bleiben wir noch einen Moment auf Abstand. Die gleichmäßigen Farbfelder, senkrecht angeordnet und sichtbar voneinander abgegrenzt, wirken organisch. Sie scheinen natürlich gewachsen zu sein, sie scheinen zu verwittern und die Patina, die sie überzieht verleiht ihnen Würde und Alter. Warmer Ocker, edles Rot, sanftes Braun, milchiges Weiß, erdiges Grün und royales Blau, manchmal kräftig und selbstbewusst, wie lackiert, manchmal von Schlieren durchzogen, verschmutzt und angegraut. Im Nebeneinander der Farbfelder, die in geraden oder ungeraden Verhältnissen zueinander angeordnet sind, treffen verwandte Farbtöne und stark kontrastierende aufeinander. Mal wiederholt sich in einem Bild ein Farbton wie ein Thema in einem Musikstück, mal treffen Gegensätze aufeinander, deren Spannung den Betrachter zunächst verwirrt, zwischen denen Boecker jedoch meist geschickt vermittelt. Jedes der Bilder erscheint prozesshaft und doch abgeschlossen, jedes von ihnen kann nur so und nicht anders sein, ist ausgewogen ohne glatt zu erscheinen. Im Gegenteil: das Verhältnis von Fläche zu Fläche, das Arvid Boecker schon zu Beginn des Malprozesses festlegt, die immer gleichen Abstände und Größenverhältnisse, könnten leicht dazu führen, dass sich eine gewisse Gewöhnung einstellt. Doch das stets gleiche Konzept ist auch nach Jahren noch für Überraschungen gut. Es verhält sich wie in einer Großfamilie, wo gewisse Ähnlichkeiten über Generationen dominant weitervererbt werden, wo sich manches ausprägt und anderes in der Versenkung verschwindet, um bei irgendeinem entfernten Großneffen wieder hervorzublitzen. An eine Ahnengalerie erinnern Arvid Boeckers Serien, und Glück hat, wer viele seiner Gemälde in einem Raum versammelt sieht. Im Abschreiten dieser Ahnengalerie erkennt man die Unterschiede genauso wie das Ähnliche oder Gleiche. Man stellt Beziehungen her, zwischen den Werken, die ein Farbton oder eine Stimmung vereint, man sucht die kapriziösen Diven, die ausgleichenden Vermittler, die Verschwiegenen, die Selbstvergessenen und die schüchtern Zurückhaltenden, die Widerspenstigen, die innerlich Zerrissenen und die Anmutigen. Bei aller Farbigkeit strahlen die Arbeiten Boeckers eine große Ruhe und Gelassenheit aus - wie der Künstler selbst - zugleich aber auch eine Besessenheit, ein Durchhaltevermögen. Arvid Boecker "kaut ein Bild so lange durch, bis es stimmt." Es wird Zeit, näher zu treten. Was sich zunächst als oberflächliche Patina präsentierte, wird bei genauer Betrachtung zum Nachhall dessen, was unter der Oberfläche liegt. Dick sitzt die Farbe auf der Leinwand, und das in unzähligen Schichten. Wie ein altniederländischer Meister trägt Arvid Boecker dünne Farbschichten auf, die sich lasierend überlagern. Die Ölfarbe entfaltet ihre ganze Magie, indem sie - schillernde Schicht über schillernde Schicht gesetzt – offen legt, was sich während des ganzen Entstehungsprozesses auf der Leinwand getan hat. Kein Arbeits- und Malschritt ist ganz verloren, auch wenn Arvid Boecker einiges rückgängig macht, indem er eine Farbfläche mit dunkleren Tönen übermalt oder wieder abträgt. So wird der Maler manchmal zum Forscher in seinem eigenen Werk, indem er wie ein Archäologe alte Schichten und Zustände sucht und wieder zum Vorschein bringt. Er ist Schöpfer und Zerstörer in einem, lässt entstehen und löscht wieder aus, kreiert und verwirft. Aber nicht aus einer Laune heraus, sondern immer im Hinblick auf das Gelingen des Bildes als Ganzem.
"Die Gesetze des Materials gelten für alle Maler, gleichviel welcher Richtung sie angehören. Wer das Material richtig verwenden und ausnützen will, muss die Gesetze kennen und befolgen. Erst die freie Beherrschung des Materials gibt die feste Grundlage, die eine Steigerung persönlichster Ausdrucksweise erlaubt" (Max Dörner, 1921). Die Farbe ist zugleich Material und Thema der Werke Arvid Boeckers. Dabei spielt der Farbton in erster Linie keine Rolle. Sein Interesse gilt zu allererst der Farbe als Malmittel. Die Beschaffenheit des Materials und sein Verhalten lotet er in jedem seiner Gemälde von neuem aus. Dahinter steckt teilweise ein rein technisches Interesse. Die Fließeigenschaften und die Konsistenz der Farbe, dann aber doch auch die Liebe zu bestimmten Farbtönen, das Experiment mit unterschiedlichen Produkten, die auf dem Markt sind. "Tolle Farbtöne" wie Brauner Lack haben nach Boeckers Aussage großen Einfluss auf alle anderen Farben. Manche von ihnen kann man seiner Meinung nach nicht mischen, andere bewirken im Trockenen mehr als im Nassen. Beim Malen interessiert ihn nichts anderes. Was geben bestimmte Farbbeschaffenheiten ihm vor, welche seiner Handlungen zeigt eine besondere Wirkung? Malen, schauen, abwägen, malen, begutachten, entgegenwirken, schauen. Dessen wird er nie müde und hierin findet er täglich neue Herausforderungen und neuen Ansporn. Immer wieder, so sagt Boecker, sei er überrascht, wie unterschiedlich Bilder aussehen können, die die gleichen Grundbedingungen haben. Er strebt nach dem Neuen hält aber gleichermaßen fest am Althergebrachten. Die Arbeitsmittel Ölfarbe und Leinwand auf Keilrahmen sind dabei kein Zufall, sondern beruhen auf einer Entscheidung, die der ehemalige Objektkünstler vor Jahren getroffen hat: Maler werden. Mit den traditionellen Malerutensilien und Materialien stellt er sich in die Tradition und forscht zugleich weiter an den Gegebenheiten und Möglichkeiten dieser malerischen Grundvoraussetzungen. Zugleich genießt er die Freiheit, die ihm sein Bildträger bietet: Anders als andere Malgründe wird die Leinwand, so Boecker, von Publikum und Kritikern nicht hinterfragt. Würde er hingegen auf Metall, Holz oder Kunststoff malen, wäre das immer ein Thema bei der Betrachtung.
Seine oft großformatigen Leinwände stellt er auf den Atelierboden, der mit den wilden Klecksen und dem verwegenen Farbenspiel - nebenbei gesagt - selbst eine Sehenswürdigkeit ist. Dann legt er auf dem Bildträger das Raster und den Grundton des Werkes fest. Das gibt der Arbeit Halt und ein System. Mit der Festlegung der Grundbedingungen beginnt die wochen- und monatelange Arbeit, ein Prozess der immer wieder unterbrochen wird. Boecker stellt ein angefangenes Bilder stets für eine Weile in den Trockenschrank, schenkt sich und dem Bild eine Ruhepause, weil "im Trockenen Kleines mehr bewirkt." In der Zwischenzeit zieht er ein angefangenes Bild hervor und arbeitet an diesem weiter. Seine Gemälde brauchen Zeit zum Reifen, auch das unterstreicht ihren organischen Charakter. Er setzt sich selbst kein zeitliches Limit, drängt nicht zum Ende sondern arbeitet im Augenblick. Zeitdruck ist sein größter Gegner und auch sein derzeitiger Erfolg und die große Nachfrage nach seinen Werken werden an dieser gemächlichen Arbeitsweise nichts ändern. Auch Handbewegung und Format spielen bei Arvid Boeckers Arbeit eine wesentliche Rolle. Die Menge der einzusetzenden Farbe und die Größe der zu bedeckenden Fläche sowie die Reichweite seines Armes geben die Bedingungen des Werkes vor. Besonders bei der neueren Werkgruppe der großen Leinwände funktionierten die eingespielten Handgriffe zunächst nicht mehr, verhielt sich die Farbe anders. In so einem Fall muss sich Arvid Boecker wieder Gedanken machen, muss das Gewohnte "übersetzen" in die neuen Gegebenheiten. Dann geht er ins Museum und schaut sich an, wie die anderen das machen, was es für Strategien und Möglichkeiten gibt, den Tücken des Materials und der Proportion beizukommen. Er lässt die Farben auch mal fließen und ein Eigenleben entwickeln, bezieht den Zufall in seinen Werkprozess mit ein. So bekommt das Gemälde Struktur und die entstehenden Erhebungen verleihen der Bildoberfläche und dem Farbfeld mit ihrem Schattenwurf zusätzlichen Reichtum und Lebendigkeit. Bei aller Ruhe und Konzentration muss Arvid Boecker dabei wach sein. Er darf den spannenden Moment nicht verpassen, in dem etwas passiert, wo das Bild eine entscheidende Entwicklung durchläuft.
Immer wieder einmal kommt Arvid Boecker in seiner Arbeit an den Punkt, wo er den Faden verliert, wo alles zu schnell war, wo er Gefahr läuft den Ansatz zu verlieren. Aber bisher war kein Bild rettungslos verloren. Dabei interessiert den Maler zu Beginn und während seiner Arbeit nie, wie das Bild später einmal aussehen soll. Der Prozess, die Handlung gibt die Richtung vor, stellt neue Fragestellungen in den Raum und fordert Entscheidungen. Wenn am Ende alle Entscheidungen getroffen sind, findet das Bild seinen Abschluss. Dennoch ist bei all der langwierigen Arbeit das Wichtigste die Leichtigkeit. Arvid Boecker hat Lust am Malen, und das ist die Voraussetzung für alles. Er muss wollen und Spaß haben, es muss ihm leicht fallen und Lust machen auf mehr. Ziel ist nicht, die Leinwand so schnell wie möglich zu füllen und zuzumalen, vielmehr sind die bereits erwähnte Langsamkeit und das Abwägen wichtiger Bestandteil seiner Werke. Als seinen Antrieb beschreibt Boecker eine ihm innewohnende "Sehnsucht nach Bildern" und so schafft er jedes Werk letztlich für sich selbst.
Obwohl Arvid Boecker seine Bilder ganz nüchtern mit Nummern versieht und den "ungegenständlichen" Arbeiten damit eine gewisse Offenheit verleiht, wecken diese doch Assoziationen. Die Werke entstehen in Serien und der Künstler benennt diese mit Titeln, die einen Bezug zur realen Umwelt herstellen. Er selbst gibt, indem er diesen Schritt vollzieht, eine bestimmte Sichtweise vor: Eine frühe Werkgruppe heißtTokyoumbra, eine andere Rubin, eine weitere, die im letzten Jahr im Heidelberger Kunstverein zu sehen war, Milch und Honig, die aktuellen Arbeiten laufen unter dem Titel Kilmuir Walk. Viele dieser Titel beziehen sich auf die eingesetzten Farbtöne und Nuancen, auf das warme Umbra, das edle Rot, Zinkweiß und ein warmes Gelb, Töne die den jeweiligen Zyklus bestimmen, auch wenn sie nicht in jedem einzelnen der dazugehörigen Bilder (mehr) zu sehen sind. Nicht nur im übertragenen Sinn spielen drei dieser Titel zudem auf Orte und Landschaften an: sie verweisen auf die japanische Metropole, auf das Paradies, das gelobte Land, wo Milch und Honig fließen, sowie auf einen Landstrich in Schottland, wo Arvid Boecker im Jahr 2005 den Sommer verbrachte. In vielen der Texten, die über das Werk Boeckers verfasst wurden, spielen die Autoren auf die Ähnlichkeit der Gemälde zu Landschaften an. Max Christian Graeff prägt in seinem Text zur Saarbrücker Ausstellung das Bild von der Fahrt in einem Heißluftballon, bei der der Betrachter ruhig und gemächlich über weitläufige Kulturlandschaften schwebt. Ein wunderschöner und sehr passender Vergleich.
Doch um nicht zu sehr auf diese Ähnlichkeiten reduziert zu werden, hat Arvid Boecker nur sehr wenige Bilder mit horizontal angelegten Farbstreifen geschaffen und sich nach einem kurzen Exkurs in diese Richtung schnell wieder auf die Vertikalität zurückbesonnen. Er will sich und seine Werke nicht festlegen lassen und dennoch offen für Interpretationen und Sichtweisen sein. Der Vergleich mit Kulturlandschaften liegt nahe, haben die Bilder doch, wie bereits erwähnt, etwas Lebendiges, Organisches, Erdiges. Nicht zuletzt die regelmäßige Einteilung in immer gleich breite Farbstreifen erinnert an bestellte Äcker und Felder. Zumal Boecker offen zugibt, dass ihm neben den Werken anderer Künstler vor allen die Landschaften, die er bereist hat, Anregung und Inspiration schenken und er eingefangene Stimmungen in seinen Bilder wieder aufleben lässt. Das schottische Festland, die Isle of Skye, England und Skandinavien mit den ihnen eigenen Farbenspielen, ihrer Rauheit, der dort herrschenden Ruhe sowie dem Temperament der Wetterbedingungen, die in diesen Breiten herrschen, wirken in seinen Bildern fort. Arvid Boecker beobachtet auf diesen Reisen viel, doch wie genau und in welcher Form oder Ausprägung diese Beobachtungen und Erfahrungen einfließen, will er nicht hinterfragen und zum Thema machen. In den neusten Werken bricht er immer häufiger mit seinem System: Er durchbricht die Grenzen der Farbfelder, durchsetzt sie mit Fremdkörpern, indem er kräftige Farbakzente mit groben Umrisslinien in eine ansonsten ruhige Fläche setzt. Diese Eingriffe sind teilweise recht dramatisch und lösen ein gewisses Unbehagen aus. Etwas bricht ein in die gewohnte Regelmäßigkeit - aber muss das ein Schaden, eine Beschädigung sein? Manchmal wird dies vom Betrachter sicher so empfunden. An anderer Stelle schaffen derartige Eingriffe einen harmonischen Ausgleich, eine sinnvolle Ergänzung und sorgen für ein Gleichgewicht in der Waagschale der Gesamtkomposition. Einen solchen Schritt vollzieht Arvid Boecker nicht von heute auf morgen. Jede kleine Neuerung wird lange und ausgiebig durchdacht und abgewogen. Auch der Wechsel zu einem anderen Format oder einer gewagten Aufteilung des Bildraums vollzieht sich langsam und mit Bedacht. Doch irgendwann stellt sich die Gewissheit ein, dass es in diese Richtung weitergehen muss. Und dann muss Boecker sein Material und dessen Bedingungen wieder ganz neu erproben und in den Griff bekommen. Wenn Arvid Boecker Bilder schafft, dann schafft er einerseits Kunst über Kunst, dann werden Malerei und ihre Bedingungen selbst zum Thema. Aber darüber hinaus interessieren ihn auch allgemeine Fragen der Wahrnehmung und der Wirkung auf den Betrachter. Hier bezieht er auch seine eigene Stellung mit ein, ist er doch während des gesamten Malvorgangs selbst durchgehend ein Schauender und Beobachter. Er hört nicht auf, Fragen an seine Werke und die anderer zu stellen: wie es zum Beispiel dazu kommt, dass manche Farbkombinationen und Kompositionen edel, andere erdschwer und wieder andere fröhlich wirken? Die Beschäftigung mit derlei Fragestellungen und ihre Umsetzung in Malerei ist an sich nichts Neues, und die Probleme, mit denen Boecker sich beschäftigt und die er zu lösen sucht, bewegten Maler schon zu allen Zeiten. Viele von seinen Vorgängern haben gute und befriedigende Lösungen gefunden, doch eine einzige allein selig machende Wahrheit gibt es in dieser Hinsicht nicht. Die ästhetische Qualität seiner Arbeiten, die bewegte Ruhe und die Energie, die von seinen Bildern ausgeht, sind typisch Boecker und unvergleichlich. Der Maler ist ganz und gar sichtbar in seinem Werk, in seinen Gesten und Eingriffen. Seine eigene Energie wird erfahrbar und das was ihn umtreibt wird deutlich. Arvid Boecker hinterlässt seine Spuren auf den Feldern, die er beackert.